Dr. Google – Gesundheitsinfos aus dem Netz

InterviewLesezeit: 3:00 min.

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„Dr. Google“ ist kein Unbekannter: Viele Patienten suchen im Internat nach ihren Beschwerden und finden ein riesiges Angebot an Gesundheitsinformationen. „Einen Arztbesuch ersetzt das aber nicht“, sagt Dr. Thomas Wollersheim von AOK-Clarimedis.

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Der Experte zum Thema

Dr. Thomas Wollersheim

Facharzt für Innere Medizin
ServiceCenter AOK-Clarimedis

Herr Dr. Wollersheim, warum holen sich immer mehr Menschen im Internet ärztlichen Rat?

Redaktion

Der Trend geht zum informierten Patienten, der nicht orientierungslos durch das Gesundheitssystem stolpert. Damit hat sich auch das klassische Verhältnis zwischen Arzt und Patient verändert. Während der Doktor vor zehn oder zwanzig Jahren in seinem Handlungsbereich noch völlig unabhängig agierte, wird der Kranke heute zum Partner des Mediziners – gemeinsam treffen beide die Entscheidung für oder gegen eine Behandlungsmethode. Vor allem Jüngere machen sich rund um Gesundheit und Medizin im Internet schlau.

Dr. Thomas Wollersheim

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Wer „Kopfschmerzen" als Suchbegriff eingibt, findet aber auch die Diagnose Hirntumor.

Redaktion

Ja, allerdings ist das eine sehr seltene Ursache. Es wäre unangemessen, gleich in Panik zu geraten. Denn Kopfschmerzen entstehen auch ganz schlicht aus Flüssigkeits- oder Schlafmangel. Bei seiner Recherche stößt der Laie neben guten Datenquellen auf unseriöse Seiten mit fragwürdigen Absichten, auf denen noch dazu umstrittene Behandlungsmethoden beworben werden. Für Nicht-Mediziner wird es dann sehr schwierig, die Angaben richtig einzuschätzen.

Dr. Thomas Wollersheim

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Viele Fotos zeigen dort extrem ausgeprägte Krankheitssymptome...

Redaktion

Das sind meistens Maximalvarianten, die natürlich auch Ängste schüren können. In vielen Fällen verunsichern diese extremen Symptome unnötig. Auf der anderen Seite informiert diese Bildsprache aber auch über mögliche Risiken, die Erkrankungen, je nach Stärke der Verlaufsform, mit sich bringen können.

Dr. Thomas Wollersheim

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Wie schützt sich der Laie vor fragwürdigen Gesundheitsinformationen?

Redaktion

Schon das Bewusstsein darüber, dass es eine ganze Reihe kommerzieller Anbieter von Internetportalen gibt, die unter dem Deckmäntelchen allgemeiner Gesundheitsinformationen ihre Produkte anpreisen, schärft den Blick. Viel Werbung oder keine direkte Kontaktmöglichkeit zum Seitenbetreiber legt die Vermutung nahe, dass die Internetseite unseriös ist. Im weltweiten Internet kann jeder mit wenig Aufwand alles Mögliche ungeprüft publizieren. Im Zweifelsfall ist es also besser, telefonisch bei uns im ServiceCenter AOK-Clarimedis anzurufen oder direkt zum Arzt zu gehen. Unbedenklich sind allerdings die Online-Informationen seriöser Institutionen.

Dr. Thomas Wollersheim

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Frau mit Headset am Computer.

AOK-Clarimedis

Medizinische Hilfe am Telefon.

Welche sind das zum Beispiel?

Redaktion

Auf die Angaben des Robert-Koch-Instituts ist Verlass. Doch diese medizinischen Informationen sind für den Laien kaum nachzuvollziehen, weil sie in Wissenschaftssprache abgefasst sind. Für Nichtmediziner deutlich verständlicher sind beispielsweise die Informationen auf der Seite www.gesundheitsinformation.de, die vom IQWIG, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, betrieben wird. Diese Angaben sind evidenzbasiert. Das bedeutet, dass sie auf dem aktuellen Stand der klinischen Medizin auf der Grundlage klinischer Studien beruhen.

Dr. Thomas Wollersheim

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Das Internet macht es möglich, aus aller Welt Informationen zu bekommen...

Redaktion

...davon profitieren in erster Linie die Experten. Die internationale Vernetzung ist für Ärzte eine großartige Ressource. Laien stoßen neben den in Fremdsprachen abgefassten Beiträgen auf weitere Hürden. So können im Ausland sowohl andere Medikamente als auch Therapien als sie beispielsweise hierzulande üblich sind, verordnet werden. Noch dazu ist die Häufigkeit bestimmter Krankheiten in Deutschland nicht unbedingt die gleiche wie in anderen Ländern. Es kann also sein, dass eine bestimmte Erkrankung in Japan häufiger, in den USA hingegen weitaus seltener als bei uns auftritt.

Dr. Thomas Wollersheim

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Wie reagieren Ärzte auf immer mehr „informierte Patienten"?

Redaktion

Viele Mediziner begrüßen diese Entwicklung. Das erspart dem Doktor in vielen Fällen auch zeitintensive Beratungen. Kommt der Patient also bereits gut informiert in die Sprechstunde, erleichtert dies das Arzt-Patienten-Gespräch. Schwierig wird es aber, wenn der Patient dann einen 80-seitigen Papierausdruck zückt, den er von einem Gesundheitsportal im Internet ausgedruckt hat und im Alleingang die Entscheidung für eine bestimmte Therapie treffen möchte.

Dr. Thomas Wollersheim

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Letzte Änderung: 16.03.2020

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