Interview: Leben mit Multipler Sklerose

InterviewLesezeit: 3:00 min.
Alter Mann mit Gehstock und Mütze steigt eine Treppe im Freien hoch.

Bildnachweis: © wdv / Jan Lauer

Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems und die zweithäufigste neurologische Krankheit im frühen Erwachsenenalter. Dank der modernen Schubprophylaxe können MS-Erkrankte ihren Alltag heute aber gut meistern, berichtet Prof. Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, im Interview mit vigo Online.

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Der Experte zum Thema

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

Direktor
Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen

Herr Prof. Diener, wie macht sich MS bemerkbar?

Redaktion

Bei dieser Erkrankung kommt es an unterschiedlichen Stellen des zentralen Nervensystems zu Entzündungen. Die MS-Herde, auch Plaques genannt, können die Funktion der Nerven, elektrische Impulse weiterzuleiten, verschieden stark stören. Das führt meistens zunächst zu einseitigen Sehverschlechterungen – Schärfe und Farbintensität lassen nach und das Auge schmerzt bei Bewegung. Weitere Symptome sind Missempfindungen in Armen und Beinen, Lähmungen und Gleichgewichtsstörungen. Typisch ist, dass die Erkrankung in Schüben auftritt.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

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Welche Personengruppe ist am häufigsten betroffen?

Redaktion

Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, die also mitten im Leben stehen. Frauen sind für Autoimmunerkrankungen wie MS empfänglicher als Männer. Die genauen Ursachen sind nicht geklärt.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

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Welche Medikamente gibt es?

Redaktion

Für die akute Schubbehandlung wird hoch dosiertes Kortison verwendet, sodass sich die Symptome schneller zurückbilden. Die Therapie beginnt heute meistens direkt beim ersten Schub. Dadurch sind schwerere Verläufe, die die Betroffenen in den Rollstuhl zwingen, viel seltener geworden als noch vor 20 Jahren. Bei schwereren Verläufen werden Medikamente in Form von Injektionen oder Tabletten verschrieben, die das Immunsystem beeinflussen, ohne es komplett zu unterdrücken. Die sogenannten beta-Interferone haben grippeähnliche Nebenwirkungen, die aber mit Medikamenten wie Paracetamol in den Griff zu kriegen sind. Die Auswahl der Medikamente und die vorbeugende Behandlung erfolgen durch den niedergelassenen Neurologen oder die MS-Spezialambulanzen neurologischer Kliniken.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

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Frau mit Headset am Computer.

AOK-Clarimedis

Medizinische Hilfe am Telefon.

Welchen Einfluss hat Stress?

Redaktion

Stress ist sehr schädlich. Wir können uns jedoch alle dem Alltags und Berufsstress nicht entziehen. Es ist deshalb ganz besonders für MS-Erkrankte wichtig zu lernen, mit Stress umzugehen – zum Beispiel durch Entspannungsübungen.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

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Und wie wirkt sich Sport auf den Krankheitsverlauf aus?

Redaktion

Sehr günstig. Wer körperlich aktiv ist, erhält seine Beweglichkeit und kann sogar die Schubhäufigkeit reduzieren. Und natürlich hilft Sport beim Stressabbau. Manchen MS-Erkrankten hilft auch die Ergotherapie gut. Rauchen ist dagegen sehr schädlich.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

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Welche Schwierigkeiten haben MS-Patienten im Alltag?

Redaktion

Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit und mitunter auch Depressionen können Begleiterkrankungen der Multiplen Sklerose sein, die das Berufsleben erschweren. Die modernen Medikamente sind aber so gut, dass die Arbeitsfähigkeit meist lange erhalten bleibt. Mit ihnen lassen sich auch die Fatigue-Symptome gut eingrenzen.

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Das AOK-Versorgungsmodell für MS-Erkrankte

Mit dem Integrierten Versorgungsmodell für MS-Erkrankte bietet die AOK Rheinland/Hamburg ihren Versicherten wirkungsvolle Unterstützung bei der Therapie und der Bewältigung ihrer Krankheit an. Es beinhaltet neben der richtigen Behandlung mit Medikamenten auch die Koordination von Krankengymnastik sowie eine intensive Betreuung bei medizinischen oder psychologischen Komplikationen und Problemen. Zudem beinhaltet das Modell eine ausführliche Patientenschulung und auch hinsichtlich rechtlicher und sozialer Fragen kann Unterstützung geboten werden.
Mehr Informationen zu dem Modell finden Sie auf den AOK-Leistungsseiten.

Letzte Änderung: 21.04.2013