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Sucht-Expertin Prof. Dr. Schneider: „Es ist ein Irrglaube von Alkoholabhängigen, dass die Außenwelt nichts merken würde“

InterviewLesezeit: 3:00 min.
Prof. Dr. Barbara Schneider, Chefärztin an der LVR-Klinik Köln

Bildnachweis: © LVR A. Stiens /

Was kann man gegen Rheuma tun? Was passiert, wenn man zuckerkrank ist? Und wie viele Stunden Schlaf braucht der Mensch? In der Interviewreihe „Drei Fragen an …“ beantworten Experten brennende Fragen rund um die Gesundheit. In dieser Folge: Prof. Dr. Barbara Schneider, Chefärztin Abteilung Abhängigkeitserkrankungen an der LVR-Klinik Köln, über die Ursachen vermehrter Krankschreibungen wegen Alkoholkonsums und den Umgang damit.

Expertenbild

Die Expertin zum Thema

Prof. Dr. Barbara Schneider

Chefärztin an der LVR-Klinik Köln
Foto: LVR A. Stiens

Prof. Dr. Schneider, laut einer Statistik der AOK Rheinland/Hamburg hat die Zahl der Krankmeldungen wegen Alkohols massiv zugenommen. Das ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Wie schätzen Sie die Dunkelziffer ein?

Redaktion

Die Dunkelziffer ist groß, weil die Hemmschwelle, sich beim Arzt als alkoholkrank zu offenbaren, auch recht hoch ist. Der Arzt kann die Alkoholkrankheit von sich aus nur erkennen, wenn er den Patienten überhaupt zu Gesicht bekommt. Dann kann er ihn befragen und ein Blutbild machen, um zum Beispiel die Leberwerte abzunehmen. Wir gehen davon aus, dass sich nur acht bis 15 Prozent aller Alkoholabhängigen überhaupt in Behandlung begeben. Aber auch das sind schon 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, davon über zwei Drittel Männer.

Prof. Dr. Barbara Schneider

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Wie kommt es, dass es vor allem die Männer sind, die wegen Alkohol arbeitsunfähig sind? Und warum sind die Quoten in Berufen wie Metall- und Maschinenbau so hoch?

Redaktion

Generell sind mehr Männer als Frauen von Suchterkrankungen betroffen. Eine Ausnahme ist die Beruhigungsmittelabhängigkeit; hier liegen die Frauen vorne. Eine Suchterkrankung bei einem Mann kann auch immer ein Symptom einer verdeckten Depression sein – hier wissen wir ja von dem Phänomen, dass die männliche Depression ganz andere, weniger spezifische Symptome hat als die weibliche. Männer, denen es schlecht geht, greifen eher zur Flasche, als sich in eine Psychotherapie zu begeben.

Die Häufung von Alkoholkranken in der Industrie ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass hier hohe Unfall- und Verletzungsrisiken bestehen, wenn der Fahrzeug- oder Maschinenführer nicht nüchtern ist. Deshalb ist hier das Umfeld sehr viel wachsamer. Arbeitgeber kennen die Signale – sei es eine Fahne, Unkonzentriertheit, fahriges Verhalten, ein rotes, aufgequollenes Gesicht – und schicken den Mitarbeiter direkt zum Arzt. Das ist eigentlich eine sehr wirksame soziale Kontrolle.

Prof. Dr. Barbara Schneider

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Wann sollten sich Betroffene Hilfe holen und wie offen sollten sie ihr Alkoholproblem nach außen thematisieren?

Redaktion

Generell gilt: Je länger und je höhere Mengen Alkohol getrunken werden, desto größer ist die Gefahr, dass Menschen vom Alkohol abhängig werden. Betroffene sollten sich also sehr rasch suchttherapeutische Hilfe holen und das Alkoholproblem offen kommunizieren. Denn es ist ein Irrglaube von Alkoholabhängigen, dass die Außenwelt nichts merken würde. Außenstehende wissen aufgrund der augenfälligen Symptome in der Regel ohnehin schon davon. Suchterkrankungen müssen aus der Tabuzone geholt werden; hier muss es zu einer Entstigmatisierung kommen. Über Sucht sollte genauso offen gesprochen werden wie über andere chronische Erkrankungen wie Rheuma oder Diabetes.

Wichtig ist, dass der Alkoholkranke und alle engen Familienmitglieder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Mögliche Ansprechpartner sind der Hausarzt, Suchtkliniken, Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen. Bei einer Abhängigkeit ist immer eine qualifizierte Entzugsbehandlung angezeigt.

Prof. Dr. Barbara Schneider

Expertenbild

Einer Auswertung der AOK Rheinland/Hamburg zufolge sind im Jahr 2022 so viele Berufstätige in Folge von Alkoholkonsum so lange arbeitsunfähig gewesen wie nie zuvor: Mit 15,3 Tagen je 100 Versicherte ist ein Spitzenwert erreicht worden. In den Jahren 2014 bis 2019 hatte sich dieser Wert zwischen 12,4 und 13,6 AU-Tagen bewegt. 2021 war bereits ein Anstieg auf 15,2 AU-Tage je 100 Versicherte zu verzeichnen.

Links zu Suchtberatungsstellen im Rheinland

Anonyme Alkoholiker Düsseldorf
Borsigstraße 29
40227 Düsseldorf
Tel.: 0211 192 95
E-Mail: aa-kontakt[at]anonyme-alkoholiker[dot]de
www.anonyme-alkoholiker.de

Anonyme Alkoholiker Köln
Domstraße 58
50668 Köln
Tel.: 0221 19295 und 0221 312424
E-Mail: aa-kontakt[at]anonyme-alkoholiker[dot]de
www.anonyme-alkoholiker.de

Suchtkooperation NRW
Dezernat 8
50663 Köln
Tel.: 0221 8097794
E-Mail: kontakt[at]suchtkooperation[dot]nrw
https://suchtkooperation.nrw/

Blaues Kreuz in Deutschland e. V.
Bundeszentrale
Schubertstraße 41
42289 Wuppertal
Tel.: 0202 62003-0
E-Mail: bkd[at]blaues-kreuz[dot]de
www.blaues-kreuz.de/
(mit Suche einer Beratungsstelle am Wohnort nach Postleitzahl)

Links zu Suchtberatungsstellen in Hamburg

Such(t)- und Wendepunkt e.V.
Beratungsstelle für Familien mit Alkoholproblemen
Max-Brauer-Allee 76
22765 Hamburg
Tel.: 0800 2802801
E-Mail: info[at]suchtundwendepunkt[dot]de
https://suchtundwendepunkt.de/

SUCHT.HAMBURG
Information. Prävention. Hilfe. Netzwerk
Repsoldstr. 4
20097 Hamburg
Tel.: 040 2849918-0
E-Mail: service[at]sucht-hamburg[dot]de
www.sucht-hamburg.de

Kajal/Frauenperspektiven e. V.
Beratungseinrichtung
Suchtberatung für jugendliche Mädchen und junge Frauen
Haubachstraße 78
22765 Hamburg
Tel.: 040 3806987
E-Mail: kajal[at]frauenperspektiven[dot]de
www.kajal.de

Kompaß
Beratungsstelle für Kinder alkoholabhängiger Eltern
Elsastraße 41
22083 Hamburg
Tel.: 040 2383260-70
E-Mail: Beratungsstelle[at]kompass-hamburg[dot]de
https://www.trockendock-hamburg.de/einrichtungen/kompass/

Letzte Änderung: 04.03.2024