Hilfe gegen die „Sturmflut im Ohr“

InterviewLesezeit: 3:00 min.
Foto: Gehörschutzstopfen im Ohr

Lärm schädigt unser Ohr – schleichend und oft unbemerkt. Der richtige Gehörschutz kann das verhindern. Doch in welchen Situationen sind etwa schützende Ohrstöpsel wirklich angebracht? Und welcher Hörschutz ist für wen geeignet? Wir haben Stefan Tiesing, Geschäftsführer von SonicShop, gefragt

Expertenbild

Der Experte zum Thema

Stefan Tiesing

Hörgeräte­akustiker-Meister und Gehör­schutz­experte
SonicShop GmbH

Herr Tiesing, wofür brauchen wir überhaupt Gehörschutz?

Redaktion

Gehörschutz hilft, starke oder andauernde Schallbelastung auf unsere Ohren zu vermeiden. Es gibt viele Bereiche, in denen das sinnvoll oder sogar notwendig ist. Denken Sie etwa an den Arbeiter an der Fräse oder an den professionellen Musiker auf der Bühne. Am Arbeitsplatz sind Lärmbelastungen offensichtlich. In der Freizeit nehmen wir viele Lärmquellen hingegen gar nicht als solche wahr.

Stefan Tiesing

Expertenbild

Wir muten uns also in der Freizeit freiwillig Lärm zu?

Redaktion

In der Tat. Unsere Umgebung wird immer lauter. Und wir neigen dazu, auch unsere Freizeit immer öfter mit selbst gewähltem „Lärm“ auszufüllen. Meistens sind wir uns dessen nicht mal bewusst: Beim Stichwort Lärm denkt jeder an die Kreissäge, aber nicht an das Rockkonzert, den Besuch im Fußballstadion mit Tröten und Vuvuzelas oder den MP3-Player mit der Lieblingsmusik. Als unangenehm empfinden wir nur die Kreissäge, eine schädigende Wirkung auf das Gehör kann jedoch in allen Fällen auftreten.

Stefan Tiesing

Expertenbild

Und diese Schäden sind dann irreversibel...

Redaktion

Leider ja. Um das zu verstehen, muss man wissen, wie das Ohr funktioniert. Der Schall kommt in unserem Innenohr an. Dieses ist flüssigkeitsgefüllt und hier sitzen auch die sogenannten Haarsinneszellen, die den Schall in Nervenimpulse umwandeln. Man kann sich vorstellen, dass diese Haarsinneszellen flexibel sind und sich bei Schalleintritt bewegen wie Seegras unter Wasser, das sich mit den Wellen bewegt. Trifft Schall mit hoher oder lang anhaltender Lautstärke auf das Ohr, herrscht quasi eine Sturmflut im Ohr. Dabei können die empfindlichen Haarsinneszellen zerstört und sogar herausgerissen werden. Und sind die Haarsinneszellen einmal kaputt, können sie sich nicht mehr regenerieren. Es ist also besser, rechtzeitig für sein Gehör Sorge zu tragen.

Stefan Tiesing

Expertenbild
Frau joggt über eine Wiese mit hohem braunem Gras.

„Lebe Balance“

Das AOK-Angebot für Ihr inneres Gleichgewicht.

Wie kann man denn Lärmsituationen erkennen, in denen Gehörschutz sinnvoll ist?

Redaktion

Das ist nicht immer so einfach. Es gibt in der Regel ja keine Schilder, die auf eine Lärmgefahr hinweisen. Im betrieblichen Bereich gibt es klare gesetzliche Regelungen. Ein Arbeitgeber muss beispielsweise ab einer Dezibel-Zahl von 80 seinen Mitarbeitern einen Gehörschutz zur Verfügung stellen. Auf der Tanzfläche in der Disko können locker 90 Dezibel erreicht werden. Wer direkt an den Boxen steht, bekommt sogar noch mehr ab – und das oft, ohne sich zu schützen. In der Freizeit ist es also wichtig, selbst ein Gespür und Bewusstsein für die wichtigsten Lärmquellen zu entwickeln.

Stefan Tiesing

Expertenbild

Was empfehlen Sie unseren Lesern?

Redaktion

Wer auf ein Musikkonzert geht, sollte, sofern er nicht ganz fern ab der Bühne steht, auf jeden Fall Gehörschutz tragen. Gleiches gilt für den, der in der Disko länger auf der Tanzfläche feiert. Auch bei der Verwendung von lauten Maschinen, zum Beispiel bei der Gartenarbeit, ist Gehörschutz sinnvoll. Und natürlich zum Beispiel beim Schießsport im Schützenverein. Bei dieser Art von Lautstärke reicht schon ein kurzer Knall, um das Gehör zu schädigen.

Eine wichtige Faustregel lautet außerdem: Warten Sie nicht, bis der Lärm schmerzhaft wird. Denn dann muss man leider davon ausgehen, dass bereits eine Schädigung vorliegt.

Stefan Tiesing

Expertenbild

Wie wähle ich den richtigen Gehörschutz für mich aus?

Redaktion

Die Bandbreite ist groß und reicht vom simplen und günstigen Schaumstoff-Gehörschutz bis hin zur individuell an das Ohr angepassten Einzelanfertigung. Es hilft, sich zu fragen: Um welche Art von Lärm handelt es sich? Wie stark will ich diesen abdämmen und wie viel will ich noch hören? Wenn ich „hässlichen“ Lärm wie die Kreissäge vermeiden will, reicht ein einfacher Schaumstoff-Gehörschutz völlig aus, der das Ohr quasi verschließt und damit sehr stark dämmt. Bei einem Konzert hingegen will ich die Musik ja noch genießen. Hier gibt es einen speziellen Filter-Gehörschutz, der dafür sorgt, dass Musik auch mit Stöpsel im Ohr noch richtig Spaß macht. Doch egal, für welche Variante man sich entscheidet: Das Gehör schützen sie alle!

Stefan Tiesing

Expertenbild

Letzte Änderung: 18.08.2013