Linkshänder: Eine Rückschulung ist nicht für jeden sinnvoll

InterviewLesezeit: 3:00 min.
Ein Junge schreibt mit der linken Hand an die Tafel.

Bildnachweis: © wdv / Jan Lauer

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Die Expertin zum Thema

Dr. Johanna Barbara Sattler

Psychologin und Psycho­therapeutin
„Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder e. V.“ in München

Früher wurden Linkshänder-Kinder im Regelfall zum Schreiben auf die rechte Hand umgeschult – notfalls mit Druck. Gibt es das heute überhaupt noch?

Redaktion

Tatsächlich gibt es heute noch Umschulungen, auch wenn kein Druck mehr ausgeübt wird. Manche Kinder schulen sich durch Nachahmung sogar selbst um. Es gibt immer noch Eltern oder Großeltern, die es sich insgeheim wünschen, dass ihr Kind mit rechts schreibt, weil sie glauben, dass es dadurch weniger Probleme haben wird. Und das nehmen empfindsame Kinder wahr.

Dr. Johanna Barbara Sattler

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Was sind die häufigsten Probleme nach einer solchen Umschulung?

Redaktion

Bei einer Umschulung wird die nicht-dominante Seite im Gehirn stark gefordert – oft auch überfordert. Die dominante Seite dagegen wird unterfordert. Zunächst hat das Auswirkungen auf die Konzentration und die Feinmotorik. Die Intelligenz ist nicht vermindert, aber trotzdem haben Betroffene oft Schwierigkeiten, ihre Fähigkeiten adäquat einzusetzen. Letztendlich haben umgeschulte Linkshänder häufig auch psychische Probleme, da sie stets hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, sich unsicher fühlen oder Minderwertigkeitskomplexe entwickeln.

Dr. Johanna Barbara Sattler

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Schulkinder mit Ranzen vor der Schule.

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Wann ist denn eine Rückschulung auf die linke Hand sinnvoll?

Redaktion

Das hängt davon ab, wie viel Probleme jemand durch die frühere Umschulung hat, aber auch davon, wie viel er zum Beispiel in seinem derzeitigen Leben schreibt. Wer über eine Rückschulung nachdenkt, lässt sich am besten bei einem zertifizierten Linkshänder-Berater beraten.

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Wie sieht so eine Rückschulung aus?

Redaktion

Wir haben dafür ein spezielles Programm. Der Schüler beginnt zunächst mit Fingerübungen und Schwungübungen. Er muss die Bewegungsabläufe mit der anderen Hand behutsam einüben, sonst wird das Gehirn erneut überfordert. Erst nach einer angemessenen Zeit beginnt dann die Schulung des richtigen Schreibens.

Gibt es eine Altersgrenze, bis wann sich eine Rückschulung noch lohnt?

Redaktion

Nein. Über eine Rückschulung nachzudenken, lohnt sich in jedem Alter. Es müssen allerdings die motorischen Voraussetzungen stimmen. Wer beispielsweise in den Händen zittert, wird sich mit einer Rückschulung schwer tun.

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Letzte Änderung: 09.09.2012