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Fehlgeburt – Das Ende der guten Hoffnung

ArtikelLesezeit: 5:00 min.
Paar betrachtet traurig Ultraschallbilder.

Bildnachweis: © stock.adobe.com / Yakobchuk Olena

Wer sie erlebt hat, weiß: Eine Fehlgeburt zählt zu den schmerzlichsten Erfahrungen im Leben von Paaren mit Kinderwunsch. Doch wo liegen die Ursachen, dass eine Schwangerschaft abrupt endet? Ist es möglich, einer Fehlgeburt vorzubeugen? Und wie können Betroffene damit umgehen?

Expertenbild

Die Expertin zum Thema

Dr. Anke Leesemann

Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
ServiceCenter AOK-Clarimedis

Inhalt:

Über eine Fehlgeburt wird nicht gerne gesprochen, obwohl es viele Betroffene gibt. Doch seit einiger Zeit ändert sich das. In den sozialen Netzwerken teilen immer mehr Frauen – auch Prominente wie Meghan Markle – ihre Trauer über das Ende ihrer Schwangerschaften.

Fehlgeburten aus medizinischer Sicht

Was für Betroffene einen schmerzlichen Verlust bedeutet, ist aus medizinischer Sicht nichts Ungewöhnliches. „Tatsächlich gehören Fehlgeburten zum Leben von Frauen mit Kinderwunsch dazu“, erklärt Dr. Anke Leesemann, Clarimedis-Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. „Man muss sich bewusst machen, dass der Körper darauf reagiert, wenn sich die befruchtete Eizelle nicht richtig entwickelt. Oder sich nicht richtig in der Gebärmutter eingenistet hat.“

In den allermeisten Fällen ist der Grund für eine Fehlgeburt eine fehlerhafte Verteilung der Chromosomen bei der Zellteilung. Wenn diese zu schwerwiegend ausfällt, stoppt der Körper irgendwann die Weiterentwicklung der Schwangerschaft. „Das passiert sehr häufig. Es ist ein natürlicher Prozess, der sich auch nicht aufhalten lässt“, erläutert Dr. Leesemann.

So bitter diese Erfahrung ist, so tröstlich mag der Gedanke sein, dass man nichts hätte tun können, um diese Entwicklung aufzuhalten. „Bei einer intakten Schwangerschaft und einer gesunden Lebensweise verursachen weder Sport noch andere alltäglichen Verhaltensweisen eine Fehlgeburt“, so Dr. Leesemann.

Fehlgeburt, Frühgeburt und stille Geburt

Von einer Fehlgeburt – in der Fachsprache auch als Abort bezeichnet – spricht man in der Medizin, wenn eine Schwangerschaft verfrüht endet und das Kind noch nicht außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig ist.

Etwa 15 Prozent aller ärztlich festgestellten Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Dabei ist es auch nicht selten, dass es zu mehreren Fehlgeburten hintereinander kommt. „Auch zwei Fehlgeburten in Folge sind normal. Eine Untersuchung des Schwangerschaftsgewebes auf chromosomale Störungen ist medizinisch nicht sinnvoll“, so Dr. Leesemann.

Wenn es allerdings häufiger zu Fehlgeburten kommt, ohne dass eine intakte Schwangerschaft dazwischenliegt, schauen Ärztin oder Arzt genauer hin, woran es liegen könnte. In der ärztlichen Fachsprache spricht man dann von „habituellen Fehlgeburten“.

Frühe Fehlgeburt (Frühabort)

Die ersten zwölf Wochen gelten als die sensibelste Zeit der Schwangerschaft: Rund 90 Prozent aller Fehlgeburten finden im ersten Trimester (erstes Schwangerschaftsdrittel) statt. Vermutlich sind es aber deutlich mehr, zählt man die befruchteten Eizellen hinzu, die schon ganz am Anfang abgestoßen werden. Letztere äußern sich als verspätete, etwas stärkere Periodenblutung. Manchmal kommt es auch zu einer so genannten Missed Abortion, bei der der Herzschlag im Ultraschall nicht mehr sichtbar ist.

Egal, ob in einem solchen Fall oder auch bei starken Blutungen: Dr. Leesemann rät bei einer Fehlgeburt in dieser Phase zu einer Ausschabung. Dabei wird das Gewebe restlos aus der Gebärmutter entfernt. So wird sichergestellt, dass es zu keiner Infektion kommt. „Danach steht einer neuen Schwangerschaft nichts im Wege. Man muss nicht, wie früher noch empfohlen, drei Monate bis zum nächsten Versuch warten.“

Mütter, die eine Blutgruppe mit negativem Rhesusfaktor haben, bekommen bei einer Fehlgeburt eine sogenannte Anti-D-Spritze verabreicht. Das verhindert, dass es bei einer späteren Schwangerschaft zu einer Unverträglichkeitsreaktion zwischen dem Blut der Mutter und des Kindes kommt.

Späte Fehlgeburt (Spätabort)

Fehlgeburten zwischen der 12. und der 22. Schwangerschaftswoche werden als späte Fehlgeburten bezeichnet. Das Ungeborene wiegt dabei weniger als 500 Gramm und kann noch nicht allein außerhalb des Mutterleibs überleben.

In dieser Phase der Schwangerschaft muss das Kind geboren werden. Kein Kaiserschnitt unter Vollnarkose? „Nein, denn die körperlichen Belastungen durch Vollnarkose, Bauch-Operation und anschließendem Heilungsprozess sind schwerwiegender als die natürliche Geburt. Zudem möchten viele Frauen ihr Kind sehen und in Ruhe Abschied nehmen. Das ist natürlich eine sehr persönliche Entscheidung“, sagt Dr. Leesemann.

Stille Geburt (Totgeburt)

Von einer stillen Geburt ist die Rede, wenn ein Kind im Mutterleib verstirbt, das mehr als 500 Gramm wiegt. Zu diesem Zeitpunkt hätte theoretisch die Chance bestanden, dass es außerhalb des Mutterleibs überleben kann. Auch Kinder, die während der Geburt sterben, gelten als Totgeburt.

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Ursachen für Fehlgeburten

Schwerwiegende Chromosomenveränderungen

Bis zu 70 Prozent der Fehlgeburten im ersten Trimester liegen an einer Chromosomenauffälligkeit.

Probleme beim Einnisten

Wenn die befruchtete Eizelle in der Gebärmutter nicht erfolgreich andockt, kann sie sich irgendwann nicht weiterentwickeln. Sehr selten (bei etwa einem Prozent aller Schwangerschaften) nisten sich befruchtete Eizellen auch im Eileiter ein, was zwangsläufig zu einer Fehlgeburt führt.

Scheideninfektionen

Infektionen der Scheide, des Muttermundes oder der Gebärmutter können aufsteigen. Das wiederum kann zu einem Blasensprung mit dem Risiko einer Fehlgeburt führen.

Myome

Myome oder andere Fehlbildungen der Gebärmutter können manchmal dazu führen, dass sich die Schwangerschaft nicht richtig entwickeln kann.

Schadstoffe

Der Konsum von Alkohol, Drogen und Medikamenten – insbesondere in den ersten Monaten der Schwangerschaft – kann zu schweren gesundheitlichen Schäden des Kindes führen. Im schlimmsten Fall löst das eine Fehlgeburt aus.

Stoffwechsel- oder Gerinnungsstörungen der Mutter

Es gibt Grunderkrankungen wie Diabetes, die das Risiko einer Fehlgeburt erhöhen. Betroffene Frauen gelten als Risikoschwangere. Sie werden besonders engmaschig von ihrem Frauenarzt betreut. Gerinnungsstörungen können zu einer Unterversorgung der Plazenta und des Ungeborenen oder zu Thrombosen in der Plazenta führen. In diesem Fall wird die Schwangere gegebenenfalls medikamentös behandelt.

Schwäche des Gebärmutterhalses (Zervixinsuffizienz)

Dabei verkürzt sich der Gebärmutterhals frühzeitig – meist zwischen dem 4. und 6. Schwangerschaftsmonat. Krankheitserreger können dann leichter in die Gebärmutter aufsteigen. Es besteht die Gefahr, dass sich der Muttermund frühzeitig öffnet. Wenn dieses Problem bekannt ist, kann man entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen. Dazu gehören etwa körperliche Schonung sowie die Gabe von Hormonen oder Antibiotika. Im Extremfall kommt auch ein operativer Verschluss des Gebärmutterhalses infrage.

Komplikationen der Plazenta (Mutterkuchen)

Über die Plazenta wird das Kind mit Sauerstoff und allen wichtigen Nährstoffen versorgt. Wenn sie nicht richtig funktioniert – beispielsweise schlecht durchblutet ist – kann es zu einer Unterversorgung des Kindes kommen.

Übermäßiger Stress

Übermäßiger Stress kann zu einer Schwächung der Abwehrkräfte führen. Dadurch steigt die Infektionsgefahr.

Vorgeburtliche Diagnostik

Untersuchungen wie beispielsweise eine Fruchtwasseruntersuchung können in seltenen Fällen auch eine Fehlgeburt auslösen. Bei einer Fruchtwasseruntersuchung liegt das Risiko dafür allerdings weit unter einem Prozent.

Spermaanomalien

Möglicherweise kann die Qualität der Spermien auch Ursache für das frühzeitige Ende einer Schwangerschaft sein. Das zumindest legen jüngere Forschungsergebnisse nahe. Hier wird derzeit noch weiter geforscht.  

Hohes Alter und Übergewicht der Mutter

Beides sind Risikofaktoren für Chromosomenschäden (Alter) und chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus (Übergewicht), die Fehlgeburten begünstigen können. 

Äußere Gewalteinwirkungen

Unfälle oder äußere Gewalt wie Stöße oder Schläge können zu Verletzungen und letztendlich zu einer Fehlgeburt führen.

Anzeichen für eine Fehlgeburt

In der Schwangerschaft kommen leichte Beschwerden wie beispielsweise ein Ziehen in der Leistengegend häufig vor und sind kein Grund zur Sorge: Die Gebärmutter wächst, Bänder dehnen sich. Das macht sich bei einigen Schwangeren mehr bemerkbar als bei anderen.

Anzeichen für eine drohende Fehlgeburt aber sind Blutungen und wehenartige Bauchkrämpfe. Betroffene sollten dann den Frauenarzt oder die Frauenärztin anrufen. Ein Anruf lohnt sich auch, wenn das eigene Bauchgefühl Alarm schlägt. Im Zweifelsfall ist es immer besser, sich einmal mehr als einmal zu wenig untersuchen zu lassen. Auch wenn es nur der eigenen Beruhigung dient.

Was hilft den Trauernden?

Wenn die Hoffnung und die Freude auf ein Baby jäh durch eine Fehlgeburt zerstört werden, ist die Trauer groß. Und sie kann lange anhalten. Deshalb ist es wichtig, in dieser Situation echtes Mitgefühl zu zeigen. Vermeintlich tröstende Worte wie: „Ach, das ist doch noch so früh gewesen, das war ja noch kein richtiges Kind“ oder „komm schon, wird schon!“ sind da völlig deplaziert.

Was hilft, ist darüber zu sprechen – wenn die Betroffenen das möchten. Manchmal hilft auch ein gemeinsames Abschiedsritual. Oder der Austausch mit anderen, denen das Gleiche passiert ist. Oft hilft auch das Wissen darum, dass niemand an einer Fehlgeburt „Schuld“ hat.

Hier macht Dr. Leesemann Mut: „Das Umfeld kann Optimismus verbreiten, ohne die Trauer wegzuwischen. Eine Fehlgeburt, so schlimm sie ist, zeigt nämlich auch: ‚Wir beide können ein Kind zeugen. Die Eileiter sind durchgängig und die Spermien sind befruchtungsfähig.‘ Das sind gute Voraussetzungen, dass bei der nächsten Schwangerschaft alles gutgeht.“

Mutterschutz nach einer Fehlgeburt?

Eine Fehlgeburt wird rechtlich anders bewertet als eine stille Geburt. Trotzdem gilt für Frauen ein besonderer Kündigungsschutz, wenn sie nach der 12. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erleiden. Medizinisch gesehen gilt, dass der Arzt betroffene Frauen krankschreiben kann, wenn die körperlichen und seelischen Belastungen dies erforderlich machen. Mehr Informationen darüber bietet das Familienportal des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Letzte Änderung: 06.01.2021