Unser Gehirn: ein komplexer Denkapparat

InterviewLesezeit: 3:00 min.
Junger Mann fasst sich an den Kopf und runzelt die Stirn.

Bildnachweis: © wdv / Oana Szekely

Das menschliche Gehirn ist ein Vielkönner und kann doch nicht alles. vigo Online hat mit Professor Hans Georg Nehen gesprochen. Der Geriater erklärt die Möglichkeiten und Grenzen unseres Denkapparats und gibt Tipps, wie man ihn am besten trainieren kann.

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Der Experte zum Thema

Prof. Dr. med. Hans Georg Nehen

ehemaliger Klinikdirektor
Geriatrie-Zentrum Haus Berge in Essen

Prof. Dr. Nehen, stimmt es eigentlich, dass sich das menschliche Gehirn unendlich viel merken kann?

Redaktion

Unser Gehirn kann sich Unmengen merken, aber nicht unendlich viel. Die Grundlagen für unser Gedächtnis entwickeln sich bis zum dritten Lebensjahr am intensivsten. In dieser Zeit werden in unserem Gehirn vermehrt neue Verknüpfungen der Nervenzellen hergestellt, sobald die Umwelt unsere Phantasie anregt. Das wirkt sich positiv auf die Erinnerungsfähigkeit aus. Nach dieser Zeit müssen wir unsere grauen Zellen gezielt trainieren.

Prof. Dr. med. Hans Georg Nehen

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… man auch im Alter noch eine Fremdsprache lernen kann?

Redaktion

Selbstverständlich! Das Lernen einer Fremdsprache im Alter unterscheidet sich jedoch vom Pauken während der Jugend. Junge Menschen verfügen über die so genannte fluide Intelligenz. Diese geht in einem Entwicklungsprozess etwa im Alter von 25 Jahren in die kristalline Intelligenz über.

In der Phase der fluiden Intelligenz können wir uns vor allem Einzelheiten gut merken. Beim Lernen einer Fremdsprache gehen uns deshalb die Vokabeln leicht von der Hand. Während der Phase der kristallinen Intelligenz denken wir eher in übergeordneten Begriffen, das bedeutet, im Alter fällt uns zum Beispiel das Lernen der Grammatik leichter. Grundsätzlich bereitet beides beim Lernen keinen Nachteil – wenn ich weiß, wie ich mein Defizit ausgleichen bzw. woher ich die mir fehlenden Informationen beziehen kann.

Prof. Dr. med. Hans Georg Nehen

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… Emotionen eine wichtige Rolle beim Erinnern spielen?

Redaktion

Unser Gedächtnis ist in der Tat sehr viel mehr Gefühl als wir annehmen. Interessant ist, dass die Engländer und Franzosen diese Tatsache in ihrem Vokabular weitaus klarer widerspiegeln als wir. So heißt „auswendig lernen“ im Englischen „to learn by heart“ und im Französischen „apprendre quelque chose par coeur“. Herz und Gefühl stehen also im Zentrum des Lernprozesses.

Beim Erinnern sind sowohl die positiven als auch die negativen Erlebnisse von Bedeutung. Biologisch gesehen ist es so, dass die stärkere die schwächere Emotion auslöscht. Zu beobachten ist dies beispielsweise bei älteren Menschen: Wenn die Berufstätigkeit zu Ende ist, die Kinder aus dem Haus sind, sie den Partner, Verwandte oder Freunde verlieren, drängen oft negative Erinnerungen wieder in das Bewusstsein. Bei vielen alten Patienten kommen dann beispielsweise wieder Kriegserinnerungen hoch. Hier gilt es, positive Erlebnisse zu schaffen. Von zentraler Bedeutung sind dabei intensive Beziehungen zu anderen Menschen.

Prof. Dr. med. Hans Georg Nehen

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… man sein Gedächtnis ganz einfach im Alltag trainieren kann?

Redaktion

Ja, das stimmt! Einfache Übungen können sehr effektiv sein. Lassen Sie zum Beispiel abends den Tag Revue passieren und fragen Sie sich, was Sie noch wissen – das schult das Gedächtnis, bewusst zu erleben. Eine andere Möglichkeit: Legen Sie nach dem Lesen Ihre Zeitung zur Seite und überlegen Sie, was eigentlich drin stand.

Prof. Dr. med. Hans Georg Nehen

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Junge Frau liegt auf der Couch und schaut beim lernen auf ihr Handy.

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Letzte Änderung: 25.05.2017