Abonnieren Sie den vigo-Newsletter. Wir halten Sie zu allen interessanten Gesundheitsthemen auf dem Laufenden!

Wir verwenden Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern.

Epilepsie: Der plötzliche Krampf

ArtikelLesezeit: 4:00 min.
Frau hilft am Boden liegendem Mädchen

Bildnachweis: © istockphoto.com / Madrolly

Muskelzucken oder gar minutenlange Krämpfe. Epilepsie tritt in sehr unterschiedlichen Formen auf. Die wichtigsten Antworten zu Fragen rund um Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten.

Expertenbild

Die Expertin zum Thema

Dr. Silke Leesemann

Neurologin
ServiceCenter AOK-Clarimedis

Was versteht man unter Epilepsie?

Hinter dem Begriff stecken verschiedene Krankheitsbilder. Epilepsien sind chronische, also dauerhafte, neurologische Erkrankungen. Sie betreffen das zentrale Nervensystem. Charakteristisch für eine epileptische Erkrankung ist eine Neigung zu Krampfanfällen, die unabhängig von Fieber oder anderen Krankheiten besteht.

Die epileptischen Anfälle werden durch eine kurzzeitige Störung im Gehirn ausgelöst. Vereinfacht gesagt, senden dabei einige Nervenzellen gleichzeitig elektrische Impulse, um sich zu entladen. Das führt beispielsweise zu Bewusstseinsstörungen oder Muskelzuckungen.

Was weiß man über die Ursachen von Epilepsie?

Noch sind nicht alle Ursachen für Epilepsien klar. Fachleute gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zur Erkrankung führen. Teilweise treten epileptische Anfälle erstmals nach Schädigungen im Kopf auf, etwa während der Geburt, nach Unfällen oder durch einen zurückliegenden Schlaganfall.

Auch Grunderkrankungen wie eine Stoffwechselstörung kommen infrage. Außerdem begünstigen genetische Ursachen Epilepsien. Teils bleiben die Ursachen auch unklar.

Nach bisherigem Wissensstand gibt es zudem viele mögliche Auslöser eines Anfalls. Unter anderem sind das Schlafmangel, Lichtreize oder bestimmte Geräusche. Auch Stress und viel Alkohol können einen Anfall begünstigen. Wer weiß, auf welche Auslöser er reagiert, sollte diese meiden.

In Deutschland leiden etwa 600.000 Menschen unter einer Form der Epilepsie. Laut der Deutschen Epilepsievereinigung haben bis zu 5 % der Menschen einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Wenn darauf keine weiteren folgen, haben sie jedoch keine Epilepsie. Auch Fieberkrämpfe, die bei etwa drei von zehn Kindern auftreten, zählen nicht zu einer epileptischen Erkrankung. Selbst, wenn diese mehrfach vorkommen.

In welchem Alter tritt Epilepsie auf?

Grundsätzlich kann Epilepsie in jedem Alter erstmals auftreten. Besonders häufig beginnt sie jedoch bei Kindern und Jugendlichen in den ersten 20 Lebensjahren. Auch Menschen ab etwa 60 Jahren sind besonders betroffen.

Nach dem ersten Anfall sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Er wird versuchen, die Ursachen weiter abzuklären. Dazu nutzt er etwa bildgebende Diagnoseverfahren (z. B. Magnetresonanztomografie) und misst die elektrische Aktivität des Gehirns mithilfe einer Elektroenzephalografie (EEG). So lässt sich unter anderem genauer sagen, wie hoch das Risiko eines erneuten Anfalls ist.

Wie kündigt sich ein epileptischer Anfall an?

Die Anzeichen eines bevorstehenden Anfalls sind individuell verschieden. Manche Erkrankten berichten von Veränderungen – Tage, Stunden oder kurz vor dem Ereignis. Typisch sind etwa Stimmungsschwankungen, Appetitlosigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen.

Manche Betroffene erleben unmittelbar vor Anfällen sogenannte Auren. Sie dauern nur wenige Sekunden. Dabei haben sie etwa optische Erscheinungen (Blitze, Halluzinationen) oder meinen, etwas Bestimmtes zu schmecken oder zu riechen.

Welche Symptome können während eines Anfalls auftreten?

Epileptische Anfälle können in sehr unterschiedlichen Formen und verschieden intensiv auftreten. Manche Anfälle sind nach einigen Sekunden vorüber, andere dauern bis zu zwei Minuten lang. Die Symptome sind auch davon abhängig, welcher Bereich des Gehirns vom Anfall betroffen ist.

Typische Symptome sind:

  • Kribbeln in verschiedenen Körperteilen
  • Schwindel
  • Muskelzucken bis zu heftigen, unkontrollierten Krämpfen
  • Sehstörungen
  • Sprachstörungen
  • Verhaltensstörungen
  • eingeschränktes Bewusstsein (benommen, apathisch oder kurzzeitig bewusstlos)
Frau mit Headset am Computer.

AOK-Clarimedis

Medizinische Hilfe am Telefon.

Wie lässt sich Epilepsie behandeln?

Epilepsien lassen sich nach verschiedenen Kriterien unterscheiden. Die exakte Diagnose der Epilepsieform ist wichtig, um die Krankheit angemessen behandeln zu können. Außerdem lässt sich dann besser einschätzen, wie sie verläuft.

Für die Ärzte ist es unter anderem wichtig zu wissen:

  • in welchem Alter die Anfälle erstmals auftraten
  • ob in der Familie bereits Menschen an Epilepsie erkrankt sind
  • ob etwas über mögliche Ursachen der Erkrankung bekannt ist
  • ob es bestimmte Auslöser gibt
  • wie oft und zu welcher Tageszeit die epileptischen Anfälle typischerweise auftreten
  • welche Symptome sich währenddessen zeigen
  • ob Betroffene während eines Anfalls bei Bewusstsein sind oder eine Bewusstseinseintrübung (Absence) vorliegt
  • in welcher Hirnregion der Anfall entsteht
  • ob bereits neurologische Befunde wie etwa EEG-Ergebnisse vorliegen

Heilbar ist Epilepsie nicht, sie lässt sich aber dank Medikamenten oft gut in Schach halten. Diese bewirken, dass das Gehirn nicht mehr so stark erregt wird und Anfälle dadurch in den meisten Fällen unterdrückt werden können.

Reichen Medikamente nicht, kommt etwa eine Vagus-Nerv-Stimulation infrage. Der Vagus-Nerv liegt im Hals und führt zum Gehirn. Er wird bei dieser Therapie mit leichten Stromstößen stimuliert und „im Takt“ gehalten.

Auch operative Verfahren können bei bestimmten Formen der Epilepsie helfen: Etwa indem der Balken durchtrennt wird, der beide Hirnhälften verbindet. Oder die Erkrankten bekommen einen „Hirnschrittmacher“ eingesetzt.

Nützliche Alltagstipps

Wir haben ein paar Hinweise für Betroffene gesammelt, die den Alltag sicherer machen, falls ein Anfall eintritt:

  • Nutzen Sie keine elektrischen Messer o. Ä.
  • Schließen Sie sich nicht ein, so kann im Ernstfall schneller geholfen werden
  • Gehen Sie immer in Begleitung schwimmen oder baden (Gefahr des Ertrinkens)
  • Halten Sie Abstand zu offenem Feuer, Kaminen etc.
  • Führen Sie einen Zettel mit sich, auf dem steht, dass Sie Epileptiker sind und geben Sie einen Notfallkontakt an

Was tun, wenn ich einen epileptischen Anfall beobachte?

  • Grundsätzlich gilt, ein Anfall lässt sich nicht aufhalten oder abbrechen.
  • Bewahren Sie Ruhe.
  • Falls nötig, schirmen Sie die Person bestmöglich vor der Öffentlichkeit ab.
  • Halten Sie Betroffene nicht fest. Krampfende Personen entwickeln starke Kräfte, die sie mitunter nicht steuern können.
  • Entfernen Sie Gegenstände, an denen sich die Person verletzen könnte (z. B. Messer, Gläser, glühende Zigarette).
    Achtung: Nehmen Sie die Gegenstände nicht gewaltsam weg, um zu vermeiden, dass die Person sich oder Sie verletzt.
  • Liegt die Person ruhig am Boden, schützen Sie den Kopf (z. B. durch Unterlegen einer Jacke).
  • Schieben Sie nichts zwischen die Zähne.
  • Schauen Sie auf die Uhr und beobachten Sie, wie lange der Krampf dauert.
  • Bleiben Sie auch nach dem Anfall da, bis die Person bei Bewusstsein ist.
  • Verständigen Sie unter 112 den Rettungsdienst, wenn der Anfall länger als drei Minuten dauert, Verletzungen festzustellen sind oder Sie unsicher sind.

Weiterführende Infos

Letzte Änderung: 10.05.2021