Für und Wider des Mammographie-Screenings

ArtikelLesezeit: 3:00 min.
Ärztin deutet auf ein Röntgenbild einer weiblichen Brust.

Bildnachweis: © wdv / Olaf Georg Hermann

Das Mammographie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs ist umstritten. Schadet es mehr als es nützt? Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes, über Vor- und Nachteile.

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Die Expertin zum Thema

Dr. Susanne Weg-Remers

Leiterin des Krebsinformationsdienstes

Dr. Weg-Remers, warum wird in den Medien zurzeit so heftig über das Mammographie-Screening diskutiert?

Redaktion

Einige Experten sind der Ansicht, dass das Mammographie-Screening in seiner gegenwärtigen Form mehr schadet als nützt. Sie gehen davon aus, dass die Untersuchung nur sehr wenigen Frauen das Leben rettet, im Verhältnis dazu aber viele belastet – zum Beispiel durch einen Brustkrebsverdacht, der sich nicht bestätigt. Ein falscher Alarm also. Befürworter des Screenings führen dagegen an, dass bei frühzeitiger Entdeckung nicht nur die Heilungschancen steigen, sondern auch eine weniger aggressive Behandlung möglich ist. Für sie übersteigen die Vorteile die möglichen Risiken.

Dr. Susanne Weg-Remers

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Und was ist nun richtig?

Redaktion

Diese Frage kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten. Ein Teil des Problems ist, dass es sich bei den Zahlen, mit denen die Experten arbeiten, zu weiten Teilen um Hochrechnungen und Schätzwerte handelt. Außerdem hängt die Bewertung des Mammographie-Screenings davon ab, wie man die einzelnen Vor- und Nachteile für die untersuchten Frauen gewichtet.

Anders gesagt: Wie viel zusätzliche Belastung durch das Screening nimmt man in Kauf, wenn dadurch einer bestimmten Zahl von Frauen das Leben gerettet werden kann?

Dr. Susanne Weg-Remers

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Was für Nachteile kann das Screening denn haben?

Redaktion

Der schwerwiegendste Nachteil ist eine sogenannte Überdiagnose. Das bedeutet, dass im Screening ein Brusttumor gefunden wird, der langsam wächst und möglicherweise so „harmlos“ ist, dass er niemals Probleme bereitet hätte. Die Frau wird dann als Krebspatientin eingestuft und erhält eine belastende Therapie, die gar nicht notwendig gewesen wäre. Leider gibt es noch keine zuverlässigen Kriterien, um solche Tumoren von denen zu unterscheiden, die irgendwann Beschwerden verursachen. Außerdem kann es auch einen Fehlalarm geben. Das bedeutet, dass Frauen wegen eines verdächtigen Mammographie-Befundes weiter untersucht werden, ohne dass sich der Krebsverdacht bestätigt. Eine solche Situation ist psychisch sehr belastend, weil sich die Frau mit der Möglichkeit auseinandersetzen muss, an Krebs erkrankt zu sein.

Dr. Susanne Weg-Remers

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Die Entstehung von Brustkrebs kann das Screening nicht verhindern. Wie rettet es dann überhaupt Leben?

Redaktion

Das ist richtig, eine Früherkennungsuntersuchung kann nicht verhindern, dass Krebs entsteht. Die Hoffnung ist aber, dass bei möglichst vielen Frauen der Krebs in einem frühen Stadium entdeckt wird. Frauen mit kleinen Tumoren, die noch nicht gestreut haben, können häufig geheilt werden. Sie benötigen oft auch eine weniger belastende Therapie. Experten gehen davon aus, dass eine bis acht von 1.000 Frauen, die über 20 Jahre regelmäßig am Mammographie-Screening teilnehmen, vor dem Krebstod bewahrt werden können.

Dr. Susanne Weg-Remers

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Was überwiegt: Die Zahl der Fehlalarme und Überdiagnosen oder die der geretteten Frauen?

Redaktion

An diesem Punkt gehen die Schätzungen der Experten sehr weit auseinander. Die europäische Arbeitsgruppe zum Brustkrebs-Screening, die EUROSCREEN Working Group, ist der Auffassung, dass durch das Screening weniger Frauen ungerechtfertigt als Krebspatientinnen eingestuft als gerettet werden. Andere Experten vermuten, dass die Zahl der Überdiagnosen die der erkannten gefährlichen Tumore bei Weitem übersteigt. Bei bis zu einem Drittel aller im Screening diagnostizierten Mammakarzinome könnte es sich demnach um eine Überdiagnose handeln.

Dr. Susanne Weg-Remers

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Was würden Sie den Frauen nun empfehlen?

Redaktion

Ich kann nur den Rat geben, sich mit Blick auf die eigene Situation ausführlich über die möglichen Vor- und Nachteile des Screenings beraten zu lassen. Jede Frau muss letztlich aber für sich selbst entscheiden, ob sie zusätzliche Belastungen und Risiken in Kauf nehmen möchte, um einen möglichen Brustkrebs sehr früh zu erkennen.

Dr. Susanne Weg-Remers

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Letzte Änderung: 15.12.2014