Interview: Tipps für den Umgang mit psychisch kranken Kindern

InterviewLesezeit: 4:00 min.
Vater hilft seiner Tochter bei den Hausaufgaben.

Bildnachweis: © wdv / Jan Lauer

Eltern, deren Kind psychisch krank ist, sind stark belastet. Steht einmal die Diagnose fest, bringt das zwar erst einmal Erleichterung. Trotzdem kann die Familiensituation angespannt sein. Für das Kind immer wieder zu Gesprächen bereit sein, aber auch auf das eigene Wohlbefinden zu achten, rät die Psychologin und Clarimedis-Expertin Dr. Julia Petmecky betroffenen Eltern. Mehr Tipps von ihr lesen Sie in unserem Interview.

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Die Expertin zum Thema

Dr. Julia Petmecky

Psychologin
ServiceCenter AOK-Clarimedis

Was sollten Eltern beachten, wenn sie ein psychisch krankes Kind haben?

Redaktion

Grundsätzlich sollten sie sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und sie sollten sich bemühen, das Kind nicht auf die Erkrankung zu reduzieren, sondern alle seine Facetten sehen und wertschätzen. Außerdem ist es wichtig, mit dem Umfeld des Kindes zusammenzuarbeiten, das heißt engen Kontakt zur Schule oder zum Kindergarten zu halten. Auch mit dem Kinderarzt und gegebenenfalls dem Therapeuten sollten sie eng zusammenarbeiten.

Dr. Julia Petmecky

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Die Krankheit vor anderen zu verheimlichen, ist also keine gute Idee?

Redaktion

Die Krankheit vor Erziehern oder Lehrern zu verheimlichen, ist keine gute Idee, weil sie die Auffälligkeiten des Kindes dann nicht einordnen können. Es ist besser, wenn sie wissen, warum das so ist und dass daran gearbeitet wird. Man sollte sich auch nicht scheuen, dem Arzt oder Psychologen offenzulegen, was es für Schwierigkeiten in der Familie gibt. Denn die Erkrankung beeinflusst nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie.

Dr. Julia Petmecky

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Wie kann ich Vertrauen zum Kind herstellen?

Redaktion

Eltern sollten ihr Kind nicht immer wieder aktiv auf seine Erkrankung ansprechen. Sie sollten ihm aber stets die Möglichkeit geben, darüber zu reden. Wenn es soziale Probleme hat, könnte man zum Beispiel fragen: Wie war es denn heute? Mit wem hast du gespielt? Was hast du gemacht? Möchtest du mir was erzählen? Wie hast du dich gefühlt?

Schlecht ist es, das Gespräch zu meiden, denn alles, was man tabuisiert, wird dadurch nur noch größer und angstbesetzt. Es wäre also nicht richtig, sich allein auf die ärztliche oder psychologische Therapie zu verlassen. Familie spielt immer eine zentrale Rolle und somit auch das tägliche Miteinander und Nachfragen. Das fängt schon beim Kleinen an mit Fragen wie: Hast du gut geschlafen? Hast du etwas geträumt? Und dann dranbleiben, was so in der Schule war. Da kommt in der Regel schon einiges, wenn man das regelmäßig macht.

Dr. Julia Petmecky

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Wie können Eltern ihr Kind vor dem Spott anderer Kinder schützen?

Redaktion

Sie sollten offensiv mit der Erkrankung umgehen. Informieren Sie die Geschwister und gegebenenfalls die Eltern anderer Kinder. Wichtig ist es auch, mit den Lehrern zu reden, denn die können den anderen Kindern die Erkrankung erklären. Es gibt mittlerweile schöne Präsentationen für die Schule, in denen Kindern nahegebracht wird: Es gibt die und die Erkrankung und so ist das damit – da braucht man nicht drüber zu lachen.

Dr. Julia Petmecky

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Wie schaffe ich es, geduldig mit meinem Kind zu sein?

Redaktion

Wenn man eine Diagnose hat, ist das oft sehr erleichternd für die Familie. Sie weiß dann, dass die Aufregungen oder Spannungen in der Familie an der Erkrankung des Kindes lag und nicht an seinem Charakter. Mit einer Diagnose kann man die Sache gelassener betrachten und nimmt sie nicht mehr so persönlich. Und die Eltern sollten versuchen, möglichst viel für sich zu tun: auch mal zum Sport gehen, sich einen Gesprächskreis oder eine Selbsthilfegruppe suchen. Denn die psychische Erkrankung seines Kindes kann sehr anstrengend sein.

Dr. Julia Petmecky

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Sie raten Eltern also, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, um sich mit anderen auszutauschen?

Redaktion

Selbsthilfegruppen können viel zur sozialen Erleichterung beitragen, weil man sieht: Anderen geht es genauso wie uns. Manche Menschen können allerdings nicht gut damit umgehen, sich andere Fälle anzuhören, die noch schlimmer sind oder nicht besser werden. Es zu probieren, ist aber erst mal eine gute Idee.

Dr. Julia Petmecky

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Welchen Tipp haben Sie noch für die Eltern?

Redaktion

Sie sollten das Grübeln und die Selbstvorwürfe einstellen. Psychische Erkrankungen sind häufig ein Zusammenspiel von Veranlagung und Umweltfaktoren. Natürlich muss man schauen, was in der Familie nicht gut läuft und wie man die Probleme löst. Trotzdem sollte man sich nicht in Selbstvorwürfen und vor allem nicht in Schamgefühlen ergehen. Es darf auch untereinander keine Schuldzuweisungen geben. All das belastet die Familie zusätzlich.

Dr. Julia Petmecky

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Gruppe von Menschen beim Joggen durch die Natur.

Programm „MoodGym“

Aktiv aus der Depression.


Letzte Änderung: 04.12.2017