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Kinderleicht helfen: Erste Hilfe bei Kindern

ArtikelLesezeit: 6:00 min.
Mädchen ist vom Skateboard gestürzt und hält sich das Knie, die Mutter tröstet.

Bildnachweis: © istockphoto.com / Zinkevych

Ob als Elternteil, Großeltern oder Babysitter: Wenn sich Kinder verletzen, ist schnelle Hilfe gefragt. Wie Sie bei alltäglichen Verletzungen und im Notfall Erste Hilfe leisten.

Expertenbild

Die Expertin zum Thema

Dr. Renate Quarg

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
ServiceCenter AOK-Clarimedis

Kann jeder helfen?

Erste Hilfe ist immer wichtig und richtig. Denn alles ist besser, als nichts zu tun. Mit kleinen Handgriffen können Sie Großes bewirken. Damit Sie lernen, wie Sie im Notfall richtig reagieren, besuchen Sie einen Erste-Hilfe-Kurs,denn Theorie allein reicht nicht. Sie werden sich sicherer fühlen, wenn Sie Handgriffe wie die stabile Seitenlage, Herzdruckmassage und Wiederbelebung tatsächlich geübt haben.

Erste Hilfe bei Kindern – anders als bei Erwachsenen

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Das gilt auch für die Erste-Hilfe-Maßnahmen. Beispielsweise überstrecken Sie den Kopf eines Kleinkindes – anders als bei Erwachsenen – bei der Beatmung nicht. Der Grund: Die Atemwege könnten sich sonst verschließen. Außerdem haben Kinder eine höhere Herzfrequenz. Bei der Herzdruckmassage müssen Sie also öfter drücken. Manche Erste-Hilfe-Handgriffe unterschieden sich zudem je nach Alter des Kindes.

Besuchen Sie daher einen speziellen Kurs „Erste Hilfe am Kind“. Der AOK-Kurs „Baby-Kind-Erste-Hilfe-Seminar“ liefert Informationen und Tipps für den Alltag. So geraten Sie im Notfall nicht in Stress und können Ihr Kind sicher verarzten. Die Kosten für den AOK-Kurs bekommen Sie erstattet. (Aufgrund der aktuellen Situation finden die Kurse voraussichtlich erst ab Oktober/November wieder statt.)

 

Lachendes Baby liegt auf dem Bauch in einem Gitterbett und hebt den Kopf.

Erste-Hilfe-Seminar

Notfallversorgung für Baby und Kind.

Das sollten Sie im Notfall griffbereit haben

Was sind die ersten Schritte, wenn sich ein Kind verletzt hat?

  • Bewahren Sie Ruhe
  • Verschaffen Sie sich einen Überblick über die Situation:
    • Woran könnte sich das Kind verletzt haben?
    • Wo lauern weitere Gefahren?
    • Wie geht es Ihrem Kind? Welche Symptome hat es?
    • Wie können und müssen Sie selbst sich schützen?
  • Gibt es Personen, die Ihnen helfen könnten (zum Beispiel einen Notruf absetzen)?
  • Bleiben Sie wann immer möglich beim Kind und versuchen Sie, es zu beruhigen.

 

Wie prüfe ich, ob mein Kind bei Bewusstsein ist?

Sprechen Sie das Kind mehrfach laut an. Babys kneifen Sie leicht in den Oberarm. Dreht sich das Kind in Ihre Richtung, sieht Sie an oder antwortet, ist es bei Bewusstsein. Dann können Sie fragen, wo das Kind Schmerzen hat. Reagiert es nicht, legen Sie das Kind auf den Rücken und kontrollieren Sie die Atmung. Sie oder umstehende Personen sollten schnellstmöglich einen Notruf absetzen und das Kind in eine stabile Seitenlage bringen.

Wichtig: Schütteln Sie das Kind nicht, um das Bewusstsein zu prüfen. Durch die ruckartige Bewegung wird der Kopf des Kindes vor- und zurückgeworfen. Das kann Schäden im Gehirn auslösen (Schütteltrauma).

Wie bringe ich mein Kind in die stabile Seitenlage?

Wenn das Kind zwar bewusstlos ist, aber noch selbstständig atmet, bringen Sie es in eine stabile Seitenlage. Die Seitenlage muss nicht perfekt sein – wichtig ist, dass das Kind nicht auf dem Rücken liegt. Denn im bewusstlosen Zustand erschlafft die Muskulatur, die Zunge fällt zurück und das Kind könnte daran ersticken. Außerdem verhindert eine Seitenlage, dass das Kind an Erbrochenem erstickt.

  • Knien Sie sich neben das Kind und winkeln Sie seinen Arm auf Ihrer Seite an. Die Handfläche sollte nach oben zeigen.
  • Den anderen Arm ziehen Sie über den Brustkorb und legen den Handrücken an die Wange.
  • Beugen Sie nun das weiter von Ihnen entfernte Knie und drehen Sie das Kind damit vorsichtig zu sich herüber.
  • Legen Sie nun den Kopf des Kindes vorsichtig in den Nacken – außer bei Verletzungen an der Halswirbelsäule.
  • Der Mund sollte der tiefste Punkt sein und geöffnet werden, damit Erbrochenes abfließen kann.
  • Kontrollieren Sie regelmäßig die Atmung.

Wie stelle ich fest, ob mein Kind noch atmet?

Sie haben verschiedene Möglichkeiten: Schauen Sie, ob sich der Brustkorb hebt und senkt. Halten Sie Ihr Ohr über Mund und Nase des Kindes – können Sie es atmen hören? Oder spüren Sie den Atem an Ihrer Wange?

Wenn Ihr Kind nicht mehr atmet, setzen Sie einen Notruf ab und beginnen Sie sofort mit der Wiederbelebung.

Wie funktioniert die Wiederbelebung bei Kindern?

Atemspende und Herzdruckmassage kommen zum Einsatz, wenn Sie ein Kind wiederbeleben müssen. Rufen Sie in jedem Fall vor Beginn um Hilfe. Denn bei der Herzdruckmassage sollten Sie sich möglichst alle zwei Minuten mit einer anderen Person abwechseln. Am besten üben Sie den genauen Ablauf in einem Erste-Hilfe-Kurs.

Legen Sie das Kind auf eine (Rettungs)decke auf den Boden. Wichtig – anders als bei Erwachsenen wird der Kopf bei der Beatmung nicht überstreckt!

Bei Säuglingen:

  • Machen Sie die Atemwege frei – zum Beispiel Fremdkörper entfernen
  • Zu Beginn machen Sie fünf Beatmungen: am besten mit dem Mund über Mund und Nase des Babys, ansonsten Mund zu Mund oder Mund zu Nase
  • Legen Sie anschließend Ihren Zeige- und Mittelfinger auf das Brustbein.
  • Drücken Sie insgesamt 30-mal schnell und kräftig in der Mitte des Brustkorbs (pro Sekunde zweimal!).
  • Dabei sollte sich der Brustkorb etwa um 1/3 senken.
  • Danach beginnen Sie von vorne und immer im Wechsel: zwei Atemspenden, anschließend 30-mal Herzdruckmassage. Erfahrene Helfer und Rettungskräfte werden nur 15 Herzdruckmassagen geben, aber für Ungeübte sind 30 leichter. Wichtig ist, dass Sie überhaupt etwas tun!

Bei Kindern über einem Jahr:

  • Machen Sie die Atemwege frei – hat das Kind beispielsweise etwas verschluckt, versuchen Sie, es aus dem Mund zu holen.
  • Beginnen Sie mit fünf Atemspenden.
  • Legen Sie anschließend den Handballen einer Hand auf das untere Drittel des Brustbeins, Ihre andere Hand legen Sie darüber.
  • Beugen Sie sich über den Brustkorb des Kindes und drücken Sie dessen Brustbein mit durchgestrecktem Arm etwa fünf Zentimeter nach unten. Achten Sie dabei darauf, dass Ihre Finger nicht auf der Brust des Kindes aufliegen.
  • Drücken Sie gleichmäßig etwa 2-mal pro Sekunde – insgesamt 30-mal. Nach jedem Drücken entlasten Sie das Brustbein wieder, ohne Ihre Hände wegzunehmen.
  • Prüfen Sie erneut die Atmung und beginnen Sie, wenn nötig, wieder von vorne: zwei Atemspenden – 30 Herzdruckmassagen.

Tipp: Den richtigen Rhythmus für die Herzdruckmassage hat zum Beispiel der Refrain des Songs „Stayin’ alive“ von den Bee Gees.

Wie behandle ich Verbrennungen?

Kleine Verbrennungen können Sie unter fließendem, lauwarmem (!) Wasser kühlen (nicht länger als 20 Minuten). Sobald der Schmerz nachlässt, können Sie das Kühlen unterbrechen oder natürlich, wenn das Kind es als unangenehm empfindet. Großflächige Verbrennungen dürfen Sie nicht kühlen. Setzen Sie einen Notruf ab. Reißen Sie eingebrannte Kleidung nicht ab, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Handelt es sich um Verbrennungen an Gesicht, Genitalien oder Händen, bringen Sie Ihr Kind unbedingt zu einem Arzt. Das gilt auch für größere, tiefere Wunden.

Was mache ich, wenn das Kind sich verschluckt?

Sollte das Kind sich beim Essen oder an Kleinteilen verschlucken, ist schnelles Handeln gefragt. Versuchen Sie Husten auszulösen: Babys bzw. Kinder unter einem Jahr legen Sie dazu mit dem Bauch auf Ihren Unterarm. Der Kopf sollte tiefer liegen als der restliche Körper. Nun klopfen Sie fest zwischen die Schulterblätter auf den Rücken.

Kinder älter als ein Jahr legen Sie bäuchlings über Ihr Bein oder fordern es auf, sich nach vorne zu beugen. Klopfen Sie auch hier beherzt auf den Rücken zwischen die Schulterblätter, damit das Kind hustet und sich der Gegenstand löst. Wenn das nicht ausreicht, gibt es weitere Handgriffe, die Sie anwenden können – die lernen Sie am besten in einem Erste-Hilfe-Kurs.

In jedem Fall gilt: Atmet das Baby bzw. Kind nicht oder läuft blau an, rufen Sie sofort den Rettungsdienst. Versuchen Sie die Atemwege frei zu machen und beginnen Sie mit der Atemspende und Herzdruckmassage (siehe Punkt „Wiederbelebung“).

Wie reagiere ich bei einer Vergiftung?

Es gibt viele unterschiedliche giftige oder ätzende Stoffe, die gefährlich sind: Putzmittel, Medikamente, Zigaretten oder giftige Pflanzen. Daher ist es schwer, eine allgemeingültige Regel zur Ersten Hilfe zu nennen. Wichtig ist, lösen Sie kein Erbrechen aus. Dabei kann die Substanz die Atemwege schädigen. Geben Sie dem Kind kleine Schlucke Wasser oder Saft, um den Schadstoff zu verdünnen – Finger weg von Milch. Rufen Sie den Giftnotruf in Ihrer Nähe an und fragen Sie dort um Rat. Wenn möglich, geben Sie am Telefon folgende Infos durch:

  • Wer (Alter, Gewicht)
  • Was (Name des Produktes, Giftstoff)
  • Wann (genauer Einnahmezeitpunkt)
  • Welche Menge wurde verschluckt

Wichtig: Hat das Kind Beschwerden (zum Beispiel Atemnot), rufen Sie direkt den Rettungsdienst!

Was hilft bei Nasenbluten?

Setzen Sie Ihr Kind aufrecht und beugen Sie den Kopf leicht nach vorne. So können Sie das ablaufende Blut auffangen. Ein kaltes Handtuch im Nacken kann dabei helfen, die Blutung zu stillen. Wichtig: Das Blut sollte abfließen können, also keine Wattepfropfen oder Ähnliches in die Nasenlöcher stecken. Sollte das Nasenbluten länger anhalten, kontaktieren Sie einen Kinderarzt.

Wie versorge ich kleine Wunden?

Im Alltag bekommen Kinder schnell mal ein blutendes Knie oder einen aufgeschürften Ellenbogen. Haben Sie deshalb immer ausreichend Pflaster und einen Verbandskasten im Haus.

  • Ziehen Sie wenn möglich Einmalhandschuhe an, bevor Sie die Wunde versorgen. So schützen Sie sich und vermeiden, dass Keime in die Wunde kommen. Falls keine Handschuhe da sind: Gründlich Hände waschen.
  • Verschmutzte, offene Wunden möglichst unter fließendem Wasser ausspülen.
  • Offene, nässende Wunden nicht mit Salben behandeln, sondern mit sterilen Kompressen abdecken und verbinden.
  • Kleben Sie ein Pflaster auf, achten Sie darauf, die weiße Wundauflage nicht zu berühren.

Was mache ich bei großen, blutenden Wunden?

Hier heißt es zuerst: Notruf absetzen und Blutung stoppen. Denn verliert das Kind viel Blut, kann das schnell gefährlich werden. Drücken Sie dazu mit einer sterilen Kompresse oder einem dicken, keimfreien Tuch (notfalls Taschentuch) fest auf die Wunde, bis die Blutung nachlässt. Reicht das nicht, muss ein Druckverband her. Sollten größere Splitter oder Glas in der Wunde stecken, ziehen Sie den Fremdkörper nicht heraus. Sonst können weitere Verletzungen entstehen.

Gefahren vorbeugen

Die meisten Unfälle passieren im Haushalt – das gilt auch für Kinder. Dabei lassen sich schon mit ein paar einfachen Handgriffen viele Gefahrenquellen beseitigen. Lesen Sie hierzu die Tipps für ein kindersicheres Zuhause.

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Letzte Änderung: 12.08.2020