Was ist Achtsamkeit?

InterviewLesezeit: 3:00 min.

Alles schnell erledigen, am besten mehrere Dinge gleichzeitig tun – viele Menschen fühlen sich durch die täglichen Anforderungen an sie gestresst und erschöpft. Das sogenannte Achtsamkeitstraining hilft bei der Stressbewältigung. Die Achtsamkeitstrainerin Angela Homfeldt erklärt, warum Achtsamkeit so wichtig ist, und empfiehlt Ihnen eine Übung, die Sie leicht in Ihren Alltag einbauen können.

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Die Expertin zum Thema

Angela Homfeldt

Achtsamkeitstrainerin

Frau Homfeldt, was versteht man unter dem Begriff Achtsamkeit?

Redaktion

Achtsam zu sein bedeutet, die Wahrnehmung auf das „Hier und Jetzt“ zu richten. Bin ich gedanklich wirklich im „Jetzt“? Es geht darum, eine andere Haltung zu gewinnen: Mit der Achtsamkeit kann ein anderer Blickwinkel auf die alltäglichen Dinge entstehen. Man kommt mehr und mehr in der Rolle des neutralen, wertfreien Beobachters an. Das Gefühlsdrama, in dem wir uns sehr häufig befinden, wenn wir Stress haben, bleibt so aus. Voraussetzung ist, dass wir die Situation zunächst neutral beobachten und wahrnehmen. Daher werden die Beobachtung und die Wertfreiheit im Achtsamkeitstraining besonders geschult. Das Achtsamkeitstraining ist also viel mehr als ein Entspannungsverfahren. Es ist ein Werkzeug, um mit schwierigen Situationen im Alltag gelassener umzugehen.

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Wo liegen die Wurzeln des Achtsamkeitstrainings?

Redaktion

Die Wurzeln liegen in der buddhistischen Lehre und in ihrer Meditations- und Yogapraxis. Buddha beschrieb in zwei besonderen Lehrreden die Achtsamkeit und ihre Praxis. Es geht um die vier Grundlagen der Achtsamkeit: Achtsamkeit auf den Körper, die Gefühle, den Geist und alle äußeren Dinge, die wahrgenommen werden. Die grundlegende buddhistische Meditation, die Verbindung der Ruhe- und Erkenntnismeditation, ist Ursprung der Achtsamkeitsmeditation.

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In welchen Bereichen wird Achtsamkeitstraining eingesetzt?

Redaktion

Achtsamkeitstraining wird vor allem zur Stressbewältigung eingesetzt, denn Stress kann langfristig krank machen. Sehr viele Menschen leiden unter typischen Stresssymptomen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Bluthochdruck, Gereiztheit, Rücken- oder Kopfschmerzen. Das Achtsamkeitstraining dient somit als Burnout-Prävention, kann aber Menschen auch aus dem Burnout herausführen. Die Betroffenen lernen, ihre persönlichen Grenzen zu erkennen und sie auf eine freundliche Weise zu akzeptieren. Häufig wird das Achtsamkeitstraining außerdem bei Schmerzpatienten angewendet. Durch das Training erlernen sie den Umgang mit ihren Schmerzen und mit dem eigenen Körper.

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Frau joggt über eine Wiese mit hohem braunem Gras.

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Im Zusammenhang mit Achtsamkeitstraining fällt häufig die Abkürzung MBSR? Was ist damit gemeint?

Redaktion

MBSR steht für „Mindfulness Based Stress Reduction“. 1970 hat Dr. Jon Kabat-Zinn das MBSR-Programm zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion entwickelt. Das spezielle Programm wird vermehrt in der Verhaltens- und Schmerztherapie angewendet. Mit seinem Achtsamkeitstraining schlägt Kabat-Zinn eine Brücke zwischen jahrtausendealten meditativen Übungen und einer modernen Medizin, die den Menschen als Ganzes sieht. Somit hat Kabat-Zinn mit seinem MBSR-Training in den Siebzigern den Grundstein für die heutige Bekanntheit der Achtsamkeit gelegt. Durch seine wissenschaftlichen Studien und sein Trainingskonzept öffnete sich die Schulmedizin mehr und mehr für das Thema Achtsamkeit. 

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Warum ist Achtsamkeit so wichtig geworden?

Redaktion

Durch ein regelmäßiges Achtsamkeitstraining kann man das Gewohnheitsmuster im Denken und Handeln in Stresssituationen nachhaltig verändern. Es ist eine Art Gehirnjogging, bei dem in den Meditationsübungen gleichzeitig der Ruhebereich im Gehirn trainiert wird. Durch eine „Es ist wie es ist“-Haltung gewinnt man Abstand zu der aktuellen Stresssituation. Gelassenheit entsteht. Wertende Gedanken und damit verbundene Gefühle werden schwächer, das Drama und die Stresssituation bleiben aus. Wir ruhen stärker in unserer Mitte. Das alles passiert aber nicht von jetzt auf gleich. Es ist ein Prozess, der sich erst nach Wochen regelmäßigen, möglichst täglichen Trainings einstellen kann.

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Wie sieht der Arbeitsalltag einer Achtsamkeitstrainerin aus?

Redaktion

Meine persönliche Genussquelle ist ein achtsamer Start in den Tag auf meiner Matte. Meist gegen 6 Uhr morgens mache ich mein eigenes 45-minütiges Achtsamkeitsprogramm mit Yoga und Meditation, nur für mich. Danach frühstücke ich mit meinen Kids. Dann gibt es eine Laufrunde mit meinem Hund. Anschließend startet mein Berufsalltag in Form von Personal Trainings, Inhouse-Seminaren, Vorträgen oder Sonderprojekten rund um das Thema Achtsamkeit. Ich versuche mir immer wieder Auszeiten – ich nenne sie „kleine Ruheinseln“ – im Alltag zu schenken. Meistens meditiere ich in der Mittagspause oder am frühen Abend noch einmal, falls es in den Tag passt. Das schenkt mir Frische und Entspannung für den Abend.

Angela Homfeldt

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Welche Achtsamkeitsübung empfehlen Sie unseren Lesern?

Redaktion

Nehmen Sie beim Aufwachen wahr, welches Nasenloch „offener“ ist. Versuchen Sie dann bewusst, tief durch das offenere Nasenloch zu atmen. Dabei bleiben Sie noch einige Minuten im Bett liegen. Ihre Aufmerksamkeit ist auf Ihre Atmung gerichtet, bevor Ihr Tag startet. Wenn andere Gedanken kommen, versuchen Sie diese für diesen Moment beiseite zuschieben und immer wieder zur Nasenatmung zurückzukehren.

Angela Homfeldt

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Letzte Änderung: 16.10.2019