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Was tun gegen die Angst? Interview mit Dr. Mirriam Prieß

ArtikelLesezeit: 3:00 min.
Depressiv wirkende Frau sitzt nachdenklich auf der Couch.

Das Corona-Virus hat die meisten von uns fest im Griff. Zwar gibt es die ersten Lockerungen, trotzdem hat sich unser Alltag komplett verändert. Wir gehen mit Maske einkaufen, arbeiten im Home-Office und können weniger Freunde treffen. Wir sprechen mit Dr. Mirriam Prieß darüber, warum uns diese Situation Angst macht und was wir dagegen tun können.

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Die Expertin zum Thema

Dr. Mirriam Prieß

Psychotherapeutin, Buchautorin und Unternehmensberaterin aus Hamburg

Warum empfinden viele Menschen die derzeitige Situation als beängstigend?

Redaktion

Zunächst ist Angst ein ganz natürliches Gefühl. Sie sorgt dafür, dass wir mit Vorsicht durchs Leben gehen und auf uns achten. So eine Situation wie jetzt gab es noch nie. Wir haben keine Erfahrungen, auf die wir zurückgreifen könnten. Und wissen deshalb nicht, wie wir diese Krise bewältigen könnten. Zusätzlich sind viele in ihrer Existenz bedroht. All das macht natürlich Angst.

Das Besondere an der Corona-Krise ist, dass hier vieles auf einmal auf die Menschen einprasselt. Normalerweise suchen wir in solchen Ausnahmesituationen die Nähe zu Familie und Freunden. Dass wir aber ausgerechnet jetzt physischen Abstand halten müssen, verunsichert zusätzlich. Klar ist: Je weniger Halt und Vertrauen man in sich selbst hat, umso empfindlicher reagiert man auf äußere Umstände.

Dr. Mirriam Prieß

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Welche Ängste haben wir jetzt?

Redaktion

Zuerst ist da die Angst vor dem unbekannten Virus an sich. Die Bilder aus Wuhan, Italien oder New York zeigen uns, Covid-19 kann lebensbedrohlich sein.

Hinzu kommen die Einschnitte in unseren Alltag. Manche empfinden das als Kontrollverlust. Sie haben das Gefühl, dass ihre Freiheit beschränkt wird, dass sie nicht mehr so handeln können, wie sie möchten. Dann sind da auch finanzielle Sorgen. Die Auswirkungen der Krise bedroht nicht nur die gesundheitliche, sondern auch die wirtschaftliche Existenz.

Dr. Mirriam Prieß

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Wie äußern sich diese Ängste im Alltag?

Redaktion

Emotional, mental und körperlich. Die körperlichen Symptome reichen von Schlaflosigkeit und erhöhtem Puls über Schwindelanfälle bis hin zu dem Gefühl, dass es einem die Kehle zuschnürt und man nicht mehr atmen kann.

Dr. Mirriam Prieß

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Und die emotionalen und mentalen?

Redaktion

Entweder verfallen wir in einen depressiven Zustand, resignieren und fühlen uns gelähmt. Oder die Angst und Überforderung verwandelt sich in Aggression. Wir reagieren gereizt, haben unsere Gefühle nicht mehr im Griff. Wir kämpfen aussichtslose Kämpfe gegen die Situation, anstatt mit ihr umzugehen. Das kann im schlimmsten Fall sogar in einem Burn-out enden.

Dr. Mirriam Prieß

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Wann sollte man sich Hilfe holen?

Redaktion

Wenn die Angst mich im Alltag einschränkt und ich keine Mittel habe, die Situation aus eigener Kraft zu bewältigen. Dann sollten Betroffene mit ihrem Hausarzt sprechen. Sonst kann sich auf Dauer eine chronische Störung entwickeln.

Dr. Mirriam Prieß

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Wie können wir mit unseren Ängsten im Alltag umgehen?

Redaktion

Zunächst muss man sich bewusst machen: Die Angst wird schlimmer, wenn man sie verdrängt. Der Weg aus der Angst führt immer durch die Angst.

Dr. Mirriam Prieß

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Was bedeutet das?

Redaktion

Sich die eigene Angst eingestehen und sie annehmen. Wer gegen seine Angst ankämpft, erschöpft sich und wird die Erfahrung machen, dass die Angst zunimmt. Genauso wenig hilft es, sich in der Angst zu verlieren. Die Lösung heißt, sie zuzulassen und ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Mir bewusst zu sein, dass ich immer mehr bin als die Angst. Sie wie eine Welle kommen und wieder gehen zu lassen. Und mich auf die Suche nach ihrem Ursprung zu machen.

Dr. Mirriam Prieß

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Gruppe von Menschen beim Joggen durch die Natur.

Programm „MoodGym“

Aktiv aus der Depression.

Was kann Betroffenen dabei helfen?

Redaktion

Unser bisheriger Alltag wurde ganz schön durcheinandergebracht. Vielen hilft es, wenn sie neue Routinen entwickeln. Die Tage strukturieren und klare Ziele setzen – das gibt der Angst weniger Raum. Außerdem ist es wichtig, in Dialog mit sich selbst zu treten. Dem einen gelingt das beim Spaziergehen in der Natur, anderen beim Sport oder im Gespräch mit guten Freunden.

Dr. Mirriam Prieß

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Was meinen Sie mit „Dialog mit sich selbst“?

Redaktion

Das innere Gleichgewicht und damit den inneren Halt zu stärken. Das gelingt, indem Sie sich bewusst jeden Tag zehn Minuten Zeit für sich nehmen, in denen Sie sich selbst aktiv begegnen. In denen Sie offen und interessiert in sich hineinfühlen und sich fragen, wie geht es mir? Was brauche ich? Sich mitfühlend, mit Respekt, Wertschätzung und auf Augenhöhe zur Seite stehen.

Jemand, der nur noch das eine Gesprächsthema kennt und ständig nach den neuesten Infos sucht, merkt vielleicht, dass ihm das eigentlich nicht guttut. Dass er überfordert ist und nicht mehr abschalten kann. Im inneren Dialog kommt es auch darauf an, den Umgang mit den eigenen Grenzen zu erlernen. Ich sollte nur so viel nehmen, wie ich tragen kann ­– und nur das aufnehmen, was mich stärker macht.

Dr. Mirriam Prieß

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Gilt das nur für die Corona-Krise?

Redaktion

Nein. Wer seine inneren Ängste auf eine äußere Situation wie zum Beispiel die derzeitige Corona-Krise überträgt, macht die Situation damit schlimmer, als sie eigentlich ist. Er ist nicht mehr auf Augenhöhe mit sich selbst und schafft es dann nicht, die Situation zu bewältigen. Das gilt für die Spinne im Kleinen und für den Klimawandel im Großen. Oder eben aktuell für die ungewohnte Alltagssituation, die wir durch die Corona-Maßnahmen haben.

Dr. Mirriam Prieß

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Wie gehen Sie mit der Krise um?

Redaktion

Ich begegne ihr auf Augenhöhe und versuche, eine Chance in der Krise zu finden. Ich hoffe, dass sie ein Impuls für eine wesentliche Veränderung sein kann. Eine Veränderung an den Stellen, die wir bisher vermieden haben und die wir jetzt in der Krise massiv spüren.

Dazu gehört sicherlich auch ein Umdenken im Miteinander und das Bewusstsein, wie wir zukünftig Gesundheit auf allen Ebenen leben wollen.

Dr. Mirriam Prieß

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Letzte Änderung: 06.06.2020